Hauberge

Mit der Sichel wurde das Korn geschnitten

Die Meilerkohle war neben dem Eisenerz Jahrhunderte lang die zweitwichtigste Erscheinung für die Siegerländer Eisenindustrie. Als dann später noch die Wasserkraft genutzt wurde, steigerte sich der Verbrauch von Holzkohle bis zum Jahre 1861 noch gewaltig. Ja, Holzkohle und Wasserkraft

Hilfsmittel in der Siegerländer Haubergswirtschaft

Bejjel = Beil oder Axt zum fällen der Bäume

Knipp = Haubergsmesser oder Haumesser zum Entasten

Lohschewel = löffelförmiges, rundes Schneideisen

Lohbiere = zusammengebundene, getrocknete Eichenlohe

Schanzen = zusammengebundenes Reisigbündel

Steckebiere = zusammengebundene dünne Stöcke und Äste

Steaft = Holzstift zur Markierung der Grenze

Häzeichen = das Zeichen der jeweiligen Eigentümer

Meßgerte = eine Stange zum Teilen des Berges

Klong = Steinkrug für Kaffee und andere Getränke

Weere = gedrehte Birkenruten

beherrschten Jahrhunderte lang den Gang der Siegerländer Industrie. Zwischen 1567 und 1616 wurde ihre Ausfuhr mit Strafe verboten. In Siegen wurde schon sehr früh eine Kohlenmeisterei eingerichtet, welche auf eine gerechte Verteilung der knappen Holzkohlenmenge achtete. So wurden um 1800 jährlich 12.000 Wagen Holzkohle benötigt. Das Siegerland aber brachte, obwohl überall die Meiler rauchten, nur 5.000 Wagen. Der Rest kam aus dem Wittgensteiner- und dem Sauerland. (1)

Durch die hochentwickelte Form der Niederwaldnutzung konnte dieser gewaltige Holzkohlebedarf  nur gedeckt werden. Es war die sogenannte Haubergswirtschaft, wobei die Bedürfnisse für Land- und Forstwirtschaft sowie mit der Industrie in ganz hervorragender Weise abgestimmt waren. So war die Holzgewinnung für die Holzkohle und den Ofen, die Lohgewinnung für die Gerbereien, der Kornanbau zur Ergänzung der knappen Feldfrucht, die Waldweide für die Rinder und Ginster sowie Laubheu für die Stallstreuung bestimmt.

Im Fellinghäuser Hauberg warten Holz und Schanzen auf die Abfuhr

Diese Niederwaldnutzung war wohl einmalig in der Wirtschaftsgeschichte und sehr berühmt geworden. Ihre Erstehung und Bedeutung ist daher öfters ausführlich behandelt worden. (2) Aus diesem Grunde wurden in diesem Bericht nur die Grundzüge vom Siegerländer Hauberg gestreift.

In einer Urkunde aus dem Jahr 1467 wurde das Wort Hauberg zum ersten Mal erwähnt. Es deutete aber auf ein viel älteres Bestehen der Haubergswirtschaft hin. Durch den späteren Raubbau und die Gefährdung der Holkohleverknappung wurde 1562 das Gesetz der Holz- und Waldordnung festgelegt. Es war das erste grundlegende Gesetz für die Forstwirtschaft des Siegerlandes. Alle späteren Forstgesetze griffen immer wieder darauf zurück. (3) Der Schöpfer dieses wunderbaren Wirtschaftssystems war das Volk, denn als die Landesgesetzgebung die Regelung der Haubergswirtschaft  durchführte, waren ihre Grundzüge längst bekannt.

Durch die güldene - Jahn - Ordnung von 1718 wurden alle privaten Hauberge einer Gemeinde zusammengelegt. Es entstand ein genossenschaftliches Gesamteigentum,

Kornritter mit Leiterwagen (Bleistiftzeichnung Alfons Ley )

dessen Neueinteilung 16 bis 18 Jahresschläge erzwang. Der Haubergsbesitz einer Gemeinde gehörte einer oder mehreren Haubergsgenossenschaften. Von denen waren Anfang der 1950 er Jahre noch 220 im Siegerland vorhanden. Der Haubergsbesitz jeder Gemeinde wurde dann in 18 bis 22 jährige Schläge oder Haue eingeteilt. In jedem Frühjahr wurde immer nur einer, und zwar der älteste Schlag, abgetrieben. 

Nach der Teilung im Frühjahr in mehrere Jähne, erfolgte eine weitere Unterteilung in Getreide - oder Geldwert Maßen. Vom 1. März bis zum 20. April wurde der Hauberg geräumt. Kleinholz, Birken und andere nicht schalbare Hölzer wurden ausgehauen. Die dünnen Birkenzweige wurden zu Schanzen gebunden. Wenn dann an sonnigen Maitagen das erste Birkengrün hervor kam und in den Jungeichen der Saft stieg, wurde die Rinde der Eichen von unten nach oben gelöst. Die Lohröhren baumelten dann bis zu 14 Tagen, je nach Sonnenschein, an den weiß gelben Eichenstangen. (4) Nachdem sie gut ausgetrocknet waren, wurden sie abgenommen und zu je 15 Stück, mit fünf bis sechs gedrehten Reisern, zu Lohbürden zusammengebunden und in die Lohmühlen gefahren. Bei trockenem Wetter wurden im Juni die geschälten Eichenstangen tief unten glatt abgehauen. Sie dienten seinerzeit neben den Birken als Kohlholz für die Meiler.  

Da für den bescheidenen Ackerbau nur etwa 14 % der

Rohe Holzpflöcke mit Bergzeichen. Es sind Steafte, die im Hauberg verwendet wurden (Zeichnung Alfons Ley )

Fläche zur Verfügung standen, wurde der Jahreskahlschlag für den Anbau von Winterroggen genutzt. Im Spätsommer wurde der Rasen des Kahlschlages abgehackt. Er wurde umgelegt und nach dem Trocknen mit der Hainkratze auf einen Haufen gezogen und verbrannt. Man nannte es Rasenbrennen und ein weiß blauer Rauch schwebte dabei durchs Siegerland. Nachts sah man immer wieder die schwelenden Feuer hervor glühen. Die Asche, welche als Dünger diente, wurde Ende September mit der Schaufel verteilt und Winterroggen hinein gesät. Mit dem leichten räderlosen Hainpflug wurde der Boden nur geritzt, die Saat wurde dabei untergepflügt.   

Im nächsten Jahr Ende Juli war ein Gold gelbes Kornfeld in der Haubergsflur vorhanden.  Aus dem Kornfeld schauten überall ausgeschlagene grüne Triebe hervor, die man Lohden nannte. Damit die neuen Triebe nicht beschädigt wurden, war die Sense verboten. Das Korn wurde vorsichtig mit der Sichel abgeschnitten. Der Roggen wurde zu

Räderloser Haubergspflug, mit dem der Roggensamen in die Erde gebracht wurde

Garben gebunden und in die Haubergswege als Kornritter zum Trocknen aufgestellt. Somit verwandelte sich etwa ein Achtzehntel der Siegerländer Haubergsflur in eine einjährige Feldflur. Das Haubergskorn war kräftig und gut, denn der Boden auf dem es wuchs, wurde alle 18 bis 20 Jahre nur einmal als Feld genutzt. (5) So wurden im Siegerland in der  armen Zeit nach dem zweiten Weltkrieg 1949, noch 900 Hektar Hauberg mit Korn bestellt. (6)

Sechs Jahre wurde der junge Hain nach der Roggenernte, wo sich neue Stockausschläge usw. gebildet hatten, vor dem Verbiss der Tiere geschont. Ab dem siebten Jahr diente der Hauberg dann ministens 12 Jahre lang als Weidefläche für das Vieh. Damit man das Vieh in dem hügeligen Gelände nicht zu

Einige Haubergsbesitzer aus Helgersdorf mit ihren Hausnamen und Bergzeichen. Die Zeichen wurden nicht nur im Hauberg, sondern auch auf allen landwirtschaftlichen Geräten und den Mehlsäcken verwendet (Aufgelistet von Alfons Ley )

suchen brauchte, hatte es Halsglocken mit bunt verzierten Schellenbügeln um. (7) Somit diente zwei Drittel der gesamten Haubergsfläche im Siegerland ein halbes Jahr ständig als Sommerweide. Die ersten Gemeinden im Siegerland, die ihre Dorfherde mit einem Hirten in den Weidekämpen hüteten, waren Ernsdorf und Burbach.  

Mit Nutzung der Steinkohle im Jahr 1861 gingen die Meiler immer mehr zurück. Durch die Einfuhr von argentinischem, gerbreichem Holz und billigem Schnellgerbemittel durch die Chemie wurde die Haubergswirtschaft immer mehr erschüttert. Eine Überproduktion von Leder entstand und die Preise rutschten immer mehr in den Keller. Man begann den Siegerländer Hauberg umzuwandeln. Die ersten Fichten wurden bereits 1780 in Hilchenbach

Haubergsschlag aus dem Vorjahr                    (Foto: Alfred Becker)

angepflanzt. (8) In der Zeit von 1830 bis 1850 wurden weitere hochgelegene Niederwaldungen mit Fichten angepflanzt. Von einer echten Haubergsumwandlung konnte man erst ab 1900 sprechen, als mit Hilfe eines Darlehns von 100.000 Mark vom Kreis Siegen zwischen 1901 und 1911 rund 2.000 ha Haubergsfläche mit Fichten bepflanzt wurden. (9)

 

 

Quellennachweis  

(1) J. P. Becker = Mineralogische Beschreibung der Oranien - Nassauischen Lande ......

(2) W. Delius = Hauberge und Haubergsgenossenschaften des Siegerlandes.

(3) H. Kruse = Forstwirtschaft und Industrie im ehemaligen Fürstentum ...... 

(4) Paul Fickeler = Das Siegerland

(5) Alfred Lück = Vom Eisen

(6) Otto Arnold = Siegerländer Arbeitswelt

(7) Alfred Lück = Vom Eisen

(8) K. F. Schenk = Statistik des Kreises Siegen.         

(9 ) F. Sorg = Die Forstwirtschaft im Kreise Siegen

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