Eingebung

Plötzliche Eingebung rettete sieben Leben

Es war Sonntag, der 8.April 1945,  und wir hatten einen fast wolkenlosen Himmel über dem Siegerland. Der zweite Weltkrieg ging langsam zu Ende, und die Kriegsgegner hatten schon deutschen Boden erobert. Auch im Siegerland hatten sie schon Einzug gehalten. Aber der erbitterte, unnötige Kampf dauerte immer noch an, und forderte täglich noch sehr viele Opfer. Ich war 5 1/2 Jahre alt, so dass  sich die Erinnerungen schon ein wenig bei mir speicherten. Spät nachmittags stand Dahlbruch wieder einmal unter Beschuss. Die Pimpfe der Hitlerjugend zogen mit Fanfaren durch die Gemeinde und bliesen Alarm, denn die Sirenen waren schon lange defekt. Die Leute stürmten wieder einmal in die Luftschutzbunker oder in den Keller, um sich besser in Sicherheit zu wiegen. Auch wir mussten in unseren Keller, denn die Einschläge wurden immer heftiger.

Unser Haus hatte einen sehr kleinen Keller, denn das Haus war 1893 nach dem verheerenden Brand in Müsen in sehr kurzer Zeit gebaut worden. Meine Großeltern mit Familie war noch im selben Jahr eingezogen, daher auch nur ein kleiner Kellerraum.

Otto Bensberg

Zum Flakgeballer kam

Gertrud Bensberg

noch Fliegergeheul hinzu. Unser Vater der die Lage draußen noch einmal inspiziert hatte, sagte, der Beschuss komme aus Richtung Netphen. Die Einschläge kamen immer näher. Mein Vater hatte schon im ersten Weltkrieg gedient und war damals dienstverpflichtet. Er leitete den Luftschutz in Dahlbruch und war Amtsbrandmeister des Amtes Keppel, hatte also mancher- lei Erfahrung.

Dahlbruch war wegen der großen Maschinenfabrik ,,Siemag’’ schon ein begehrtes Angriffsziel, doch der Artilleriebeschuss hatte diesmal ein anderes Ziel. Der Rückzug deutscher Truppen sollte gestoppt werden. Er verlief über Dahlbruch, Müsen und den Stoß ins Sauerland. Deswegen müssen wohl die Straßen das Hauptangriffsziel gewesen sein. An der dafür günstigsten Kreuzung wohnten wir. Weiterhin war unmittelbar hinter unserem Haus, in ,,Doktors Wäldchen’’, eine Funkstation der Deutschen Wehrmacht.

Wir hockten zu siebt im Keller, und ich weiß nicht mehr, was für Gedanken und Ängste uns damals bewegten. Ich weiß nur, dass Vater und Mutter sich plötzlich heftig stritten. Was war los? Was war der Grund, sich in einer solch erbärmlichen Situation zu streiten? Für Vater war der Keller nicht sicher genug! Er trieb uns aus dem Haus, ja, er warf uns einfach hinaus. Und dies geschah im größten Trommelfeuer, dass Dahlbruch je erlebt hatte. Es dauerte 1 1/2 Stunden. Mutter wollte nicht hinaus, und deswegen war auch der Streit.

Wohin? Wohin? Wir machten uns auf den Weg in die Aspe. In unserm Garten und halb auf der Straße (heute Karl-Kraus-Straße) war der erste Trichter, den wir umlaufen mussten. Im gerade zusammen geschossenen Schuppen vom langen Haus meckerten noch die Ziegen. Es krachte bitterlich! Noch keine 100 Meter von unserem Haus entfernt – wir müssen erst wenige Schritte in der Waldstraße gegangen sein – kehrte Vater und mein ältester Bruder Horst, wieder um. Ob sie das plötzlich verlassene Haus abschließen wollten, oder noch etwas Hab und Gut holen, ich weiß es nicht.

Als sie zurückkamen, trauten sie ihren Augen nicht! Was war geschehen? Unser Haus hatte schon einen Volltreffer abbekommen, und dieses nur wenige Augenblicke, nachdem wir das Haus verlassen hatten. Eine Granate war in das einzige Kellerfenster hinein geflogen und dann explodiert. Die Detonation war so heftig, dass ein viertel des Hauses, über Eck, nicht mehr vorhanden war. Die gewaltige Explosion erfolgte in einem Raum, in dem vor wenigen Augenblicken noch sieben Menschen waren. Keiner von uns hätte überlebt!

Woher hatte unser Vater diesen mutigen und doch so segensreichen Entschluss, uns ins Trommelfeuer hinauszujagen? War es seine Erfahrung oder reiner Zufall, hatte er vielleicht von Gott die Kraft für diese Entscheidung bekommen?

Mutter ging mit uns vier Kindern durch den Wald nach Müsen. Ich weiß nicht mehr, was für erschütternde Bilder uns noch alle begegnet sind. An alles kann ich mich nicht mehr erinnern. Ich weiß nur noch, dass meine kleine Schwester Karin, ein paar Nägel in den Händen hatte, die ihr Begleiter waren. Es war das einzige was wir mitgenommen hatten.

Wir landeten in Müsen bei Verwandten in der heutigen Kirchstraße. Vater und der älteste Bruder kamen später zu uns. Wir hausten in einem überfüllten Haus, mehr in den Keller als in der Wohnung. Zwei Tage später rollten amerikanische Truppen noch Müsen ein. Ich weiß noch genau, dass ich als vorwitziger Knirps auf einen Panzer geklettert bin. Dann bekam ich von einem Schwarzen Schokolade und Zigaretten geschenkt. Zu Hause sagte man mir, vor allen meine

Die Geschwister Bensberg, die damaligen “Kellerkinder” - v.l.n.r.: Heinz, Horst, Karin, Kurt und Otto

Oma, die schon vorher nach Müsen gegangen war: ,,Werft alles weg, es ist alles vergiftet!’’ Es war nichts vergiftet, und ich habe die Schokolade genossen, wie wohl nie wieder ein Stück. Es muss meine erste Schokolade überhaupt gewesen sein die ich bekommen habe.

Da die Platzverhältnisse in dem Haus untragbar waren, bekamen wir ein paar Tage später eine Notunterkunft bei der Siemag angeboten, wo bei der SMS später die Personalabteilung einmal war. Als wir in Dahlbruch ankamen und die Unterkunft betreten wollten, wurde sie von den Amerikanern beschlagnahmt. Was nun? Wohin? Wieder lagen wir auf der Straße! Da plötzlich sagte einer von Zimmers, der unsere Hilflosigkeit erkannt hatte: ,,Geht mit uns, ihr könnt bei uns in der Waldstraße wohnen.’’ Heute noch möchte ich der Familie Zimmer für dieses großzügige Entgegenkommen meinen herzlichen Dank aussprechen. So zogen wir recht und schlecht bei Zimmers ein. Da auch dieses Haus schon überfüllt war, schliefen meine beiden ältesten Brüder Horst und Kurt gegenüber im Hause Johe.

Die Waldstraße war zur damaligen Zeit wohl die schönste Straße Dahlbruchs. Und deswegen geschah es auch, dass sie ein paar Tage später innerhalb weniger Stunden für die Amerikaner komplett geräumt werden musste. Aber diesmal hatten wir ein wenig Glück in unserem Unglück, denn nur die Häuser Zimmer und Johe wurden nicht besetzt. So hausten wir bei Zimmers mitten im besetzten Gebiet bei nächtlicher Ausgangssperre. Ende August 1945 zogen wir wieder in die hinteren Räume unseres Hauses notdürftig ein.

Dies waren die Ereignisse der Familie Otto Bensberg sen. zu Kriegsende, und wie viel unsagbar schweres Leiden und Elend hat dieser verheerende Krieg gebracht. Wer hat denn eigentlich durch ihn etwas gewonnen? Nur eins ist sicher: Europa hat durch den zweiten Weltkrieg gelernt!

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